Hinab zu jenem Sonnentempel!

Schumann, Robert

Die Peri

Hinab zu jenem Sonnentempel!

Ein Amulett, auf dessen Stein

Ein Zeichen glänzt, vom Blitz hinein ­

Geschmolzen, dort gewahr' ich's, auch

Ein Blatt, auf welchem rein

Das Siegel prangt von Salomo;

Vielleicht entziffern sie mir's, wo

Auf Erden, in den Meeren ruht

Die Zaubermacht, das edle Gut,

Das Eden öffnet sünd'gen Wesen,

Vielleicht vermag's mein Aug' zu lesen,

Hinab!

Tenor-Solo

Sie schwebt herab im frohen Hoffen,

Noch lacht des Himmels Auge hold,

Die Lauben auch aus Abendgold

Stehn noch im Westen offen.

Jetzt über Balbecks Tal sich schwingend,

Erblickt im Spiele sie ein Kind,

Inmitten wilder Rosen singend,

So rosig wild wie selbst sie sind.

Beim Knaben, der, des Spiels nun satt,

In Blumen sich gelagert hat,

Sieht sie vom heißen Rosse steigen

Jetzt einen müden Mann und schnell

An einem hochumgrasten Quell

Zum Trunke sich hinunterbeugen,

Dann kehrt er schnell sein wild' Gesicht

Aufs schöne Kind, das furchtlos saß,

Obgleich noch nie des Tages Licht

Ein wild'res Antlitz sah als das,

Entsetzlich wild, ein grauser Bund,

Wie Wetterwolk' aus Nacht und Glut,

Dort stehn die Laster al1, es tut

Dort jedes Bubenstück sich kund ­

Meineid, erschlag'ner Gast,

Betrog'ne Braut, mit blut'ger Schrift

Auf jenem Antlitz stand's geschrieben.

Mezzosopran-Solo

Doch horch, wie Vesperruf zum Beten,

Da still die Sonn' herniederschwebt,

Von Syriens tausend Minaretten

Jetzt durch die Lüfte bebt;

Vom Blumenbeet hebt sich der Knab',

Das seinem Haupt ein Lager gab,

Kniet nieder auf dem blum'gen Grund,

Worauf mit reinem Engelsmund

Er Gottes ew'gen Namen spricht;

Er scheint, indem er Blick und Hand

Zum Abendhimmel aufgewandt,

Ein Engelskind, das sich hernieder

Verirrt hat

Und seine Heimat suchet wieder.

Tenor-Solo

Und was fühlt er, der sünd'ge Mann,

Der dort lehnt und sich nun entsann

So manchen Jahrs voll Schuld und Blut,

Der auf des Lebens dunkler Flut

Umsonst späht nach dem Rettungspfade,

Wo nichts den Ölzweig bringt der Gnade!

Der Mann

'S war eine Zeit, du selig Kind,

Da jung und rein, wie du, mein Tun

Und Beten war ­ doch nun!