Der Lenz ist gekommen
M. von Kralik
Der Lenz ist gekommen, die Göttin der Liebe
ist leise erschienen in schweigender Nacht.
Da wecket ihr Zauber die Weltentriebe,
da bannt sie die Wesen mit zwingender Macht.
Es bersten die Gründe, die Quellen, sie wühlen,
es springen die Knospen auf Anger und Heid',
und liebend lechzet auf einsamen Pfühlen
der Jüngling, und schlaflos die sehnende Maid.
Doch d'rüber hin fährt mit rasendem Toben
der Gott der Schlachten zur wütenden Jagd.
Er ruft die Seinen laut jauchzend nach oben
und knicket, was ihm entgegen ragt.
Da brechen die Äste von ächzenden Bäumen,
es fällt die Blüte, vom Eiswind erstarrt,
und jäh erwacht aus sinnenden Träumen
der Mann, der des rufenden Ruhmes harrt.
O schone meiner, o Göttin, du hehre!
O schon meiner gewaltiger Gott!
Unmöglich ist's, dass ich länger mich wehre;
o schonet! Ich ruf' euch nicht zum Spott.
Kämpft aus eure Kriege, kämpft aus eure Streite
und stillet voll eure göttliche Lust,
doch kämpfet sie dort aus in himmlischer Weite
und nicht in meiner zerwühlten Brust!
Ein Mädchen hat sich mit euch verschworen,
mit einem, ihr Götter, mit einem von euch.
Wer hat sie zu seiner Botin erkoren?
Wo führt sie mich hin, in welches Reich?
Soll sie mir bringen unendliche Freuden,
die, ach, für uns Menschen sind all' zu schwer?
Soll sie mich führen in grausame Leiden,
den Göttern zum Schauspiel und ihnen zur Ehr'?
Kehr' wieder, kehr' wieder zu himmlischen Höhen!
Kehr' wieder, kehr' wieder zum Göttersaal!
Ich will nicht, ich will deine Lieb' nicht verstehen;
o lass mich frei sein von liebender Qual!
Flieg' eilend zurück von dieser Erden,
dein Liebeswort, o nimm es zurück!
[Und dennoch - o Wonne, geliebet zu werden!
Und Lieben o Götter, welch' seliges Glück!]