Die alten Lieder

M. von Kralik

Nun, du willst! Die alten Lieder,

komm, die sing' ich heut' dir vor!

Knie' an meiner Seite nieder,

leg' an meine Brust dein Ohr!

Wenn mir auch die Stimme stockte,

Eifersucht ist hier nicht Not:

Die mir einst den Sang entlockte,

die ist nun schon lange tot.

And're schien ich wohl zu lieben,

aber ach, wo sind sie hin?

Nur die Lieder sind geblieben,

und die werden auch entflieh'n.

Fast möcht' ich mich vor dir schämen,

werde meines Tuns nicht froh.

Aber nein, wozu sich grämen!

Denn es war nun einmal so.

War's? O nein, seit jenen Tagen,

da verschwand so manches Jahr.

Ja, man kann beinahe sagen:

Es ist alles nimmer wahr.

Alte Liebe, altes Hassen

ward schon lang' mir zum Gedicht;

nur, dass wir uns jetzt umfassen,

Dichtung, wahrlich, ist das nicht.

Nicht mehr ist, was hingeschwunden,

nicht ist, was auf uns noch harrt.

Wirklich sind die flücht'gen Stunden,

wahr ist nur die Gegenwart.

Fürchte nicht, dass einst im Himmel

Streit um meine Liebe sei!

Liebeln kann das Weltgewimmel,

Treue steht nur Einer bei.