Winternachts am Hallenfeuer

A. Braubach

"Winternachts am Hallenfeuer

Wußte Wilfried Thorkells Gästen

Nordlandssagen zu berichten

Von dem Weinland fern im Westen,

Das zuerst der rote Erik,

Dann Björn Asbrandson gefunden,

Als auf reisemüden Kielen

Sturm sie trieb von Sund zu Sunden.

Traumhaft wunderliche Sagen

Von des Waldes Riesenkronen,

Von den armen roten Männern,

Die in ihrem Schatten wohnen;

Von des Dickichts Astgewirre,

Blumenschlingen, Laubgewinden,

Wo nur mühvoll kluge Jäger,

Hirsch und Bär den Wildpfad finden;

Von den seltsam bunten Vögeln,

Die durch Strauch und Wipfel streifen

Oder, eine graue Wolke,

Bucht und Klippenhang umschweifen;

Von des Bibers Wasserdörfern,

Von der Taube Wanderzügen,

Von des Büffels Weidegängen

Und der Schneegans hohen Flügen;

Vom Gelock der Rebenranken,

Die um Stamm und Zweige gaukeln,

Von den purpurdunkeln Trauben,

Die im Sonnenglanz sich schaukeln;

Von dem Weizenfeld der Lichtung

Zwischen Fluß und Felsenföhren,

Lanzenschäfte all die Halme,

Goldne Keulen all die Ähren;

Von des Urwalds tiefem Schweigen,

Wenn die stillen Sternenbälle

Glühn und weit verhallt der dumpfe

Nachtgesang der Wasserfälle;

Wenn der Wildnis fromme Söhne

Aus den Hirschhautzelten treten

Und gehobnen Haupts zum großen

Unbegriffnen Geiste beten. --

Fernes Land! In Kinderunschuld,

Nicht verwirrt vom Kampf und Kriege

Zwischen Göttern, zwischen Menschen,

Schläfst du in der Wellenwiege!

Ob die graue Wasserwüste

Dich in Nacht und Nebel berge,

Dennoch find' ich dich; dem Flüchtling

Ist die Not ein guter Ferge.

Ausgestoßen von den Meinen,

Wilder Wolf im eignen Lande,

Seh' ich vor mir Strick und Grube,

Hinter mir die Treiberbande.

Wertlos ward ich gleich dem Moose,

Gleich dem Pilz am Bergeshange,

Die das Reh des Waldes achtlos

Niedertritt auf seinem Gange;

Wertlos gleich dem Fichtenzapfen,

Den der Sturm mit Laub und Schorfen,

Seines Spielwerks überdrüssig,

In den Heidesumpf geworfen.

Schönes Land im weiten Westen,

Fern und einsam! -- Heb die Schwingen,

Freier Falk, du heimatloser,

Eine Heimat zu erringen!

Heb die Schwingen! Schon zu lange

Hast du träumend hier gesessen;

Fort, meerüber: in der Wildnis

Allvergessend, allvergessen!"