Beim Spinnen

A. Bungert

Ein Mägdlein schwebt dahin durch das Feld,

den grünen Krug aufs Haupt gestellt,

die rote Nelk' im roten Mund,

der Leib so schlank, die Brust so rund,

geschürzt eilt sie von hinnen

beim Spinnen!

Die Kunkel ihr im Gürtel steckt,

wie niedlich sie das Händchen reckt;

die Spindel tanzt und kommt und flieht,

sie horcht aufs Vogelmaienlied,

auf aller Bächlein Sinnen

beim Spinnen!

Am Nussbaum bei dem Brunnen steht

der schlanke Bursch und harrt und späht;

der Gurt ist breit, das Hemde weiß,

das Haar ist schwarz, das Auge heiß;

was wird sie nun beginnen

beim Spinnen?

Nun lauf mir nicht vorbei so toll,

hast keine Hand, der Krug ist voll;

die Nelke stehl' ich mir zuerst,

und ob du dich auch biegst und wehrst,

den Kuss will ich gewinnen

beim Spinnen!

Sie kommt dort unterm Baum heraus

und sieht mir so verändert aus,

fort ist der Kinderübermut!

Das Auge blickt vor tiefer Glut

in traumverlor'nem Sinnen

beim Spinnen.