Die Näherin

A. Bungert

Der Tag ist kalt, die Nadel fliegt,

die schöne Schwester im Sarge liegt;

sie liegt im Sarg, und ihr Schmuck und Tand,

die harren im Leihhaus als Unterpfand,

die harren dort wohl bis zum Aufersteh'n,

wenn sie und ihr Schatz sich wiederseh'n!

Die Nadel fliegt, der Tag ist kalt,

zum Tanze jagen die Schlitten bald;

und was sie nicht brauchten an Flitter zum Tanz,

draus flocht ich der Schwester den Totenkranz.

Der Kranz muss im Sarg in die Erde hinab,

sonst stehlen die Leute ihn mir vom Grab.

Der Tag ist kalt, die Nadel fliegt;

ich hab' sie zum letzten Schlummer gewiegt.

Vorm letzten Schlummer, da hat sie geklagt:

"Wie arm und verlassen und so verzagt!

In Hunger und Elend siecht' ich hin,

weint keiner, weil ich gestorben bin!"

Die Nadel fliegt, der Tag ist kalt,

die Lampe, sie flackert verlöschend bald.

Sie braucht kein Feuer für diese Nacht,

und Blumen hab' ich ihr mitgebracht.

Sie hat um ein Veilchen geweint, und ich,

um ihr's zu kaufen, verkauft' ich mich!