An meine Großmutter

O. Schoeck

Wie floß von deiner Lippe milde Güte!

Bei deinem Beten senkte sich der Glaube

Einst friedespendend, eine weiße Taube,

Hernieder auf mein kindliches Gemüthe.

Was damals sanft in meinem Busen glühte,

Ward nun dem Geier der Vernunft zum Raube,

Und hingewelkt ist mir im Wüstenstaube

Des Lebens jede frische Jugendblüthe.

Einst liebtest du mich, o laß dich bewegen,

Gib

ein

Mal noch in stiller Abendstunde

Mir des Gebetes frommen Kindersegen!

Doch, ach! zu tief ist meines Herzens Wunde;

Das schöne Land der Kindheit zu entlegen,

Und du - liegst längst verscharrt im kühlen Grunde!