Distichen
O. Schoeck
"Selbstzweck sei sich die Kunst...
die göttliche diene der Zeit nicht?"
Leider verlangt ja die Zeit
auch von der göttlichen nichts.
Glückliche Zeit der Maschinen!
Sogar an poetischen Luxus
Liefert uns billig und rasch,
was man bedarf, die Fabrik.
Rollte dem Uhrwerk gleich sich ab
die Geschichte der Menschheit,
Wäre ein jeder Prophet,
der die Mechanik versteht.
Wäret ihr minder befangen, ihr säht,
daß der Geist der Geschichte
Das, was euch fehlt, Phantasie,
Laune besitzt und Humor.
Fragen des Tages zu lösen,
ist freilich des Dichters Beruf nicht;
Aber das Ewige schafft nimmer
ein knechtisch' Gemüt.
Bessrer Erkenntnis verschließe sich
keiner; jedoch dem Charakter
Untreu zu werden, dafür find' ich
das Leben zu kurz.
Sieh in der Welt dich um
und lerne von Anderer Weisheit,
Aber im innersten Kern
bleibe dir selber getreu.
Karg nur maßt ihr das Glück mir, ihr
Götter, doch dank ich euch eines:
Daß ich mich neidlos des Glücks Anderer
zu freuen vermag.
"Freiheit der Presse" verlangt dies
wackre Organ, das die Fahne
Dreimal wechselnd bewies,
was es darunter versteht.
Bessere Früchte gedeihn am Baum der
Presse nicht eher,
Bis vom Insektengeschmeiß gründlich
die Blätter befreit!