Neujahrslied

C. Bach

Schon wieder ist von meiner Zeit

ein Lebensjahr dahin!

So eilend fliehn zur Ewigkeit

der Menschen Tage hin!

Ach, unaufhaltsam fliehen sie

und ich bemerk es kaum.

Des ganzen Lebens Trost und Müh

ist nur ein kurzer Traum.

Und doch ist dieser Traum ein Teil

von meiner Prüfungszeit,

fruchtbar an Elend und an Heil

für Welt und Ewigkeit.

Wohl mir, wenn jeder Augenblick

zum Segen mir verschwand,

wenn ich Gewissensruh und Glück

durch gute Taten fand!

Dann könnt ich ohne Scham und Qual

itzt vor dem Richter stehn

und heiter die durchlebte Zahl

der Stunden übersehn.

Doch ach, zur Hälfte ist die Zeit,

die Gott mir gab, verträumt

und meines Geistes Seligkeit

in träger Ruh versäumt.

Da stehn vor meinem Angesicht

der Lebensstunden Reihn.

Und jede ruft mich vor Gericht

und jede lohnt mit Pein.

Sei gnädig uns! Wer, wer vermag,

Herr, zu bestehn vor dir?

Ach prüftest du nur einen Tag,

wo, Richter, wären wir?

Längst wären wir von dir nicht mehr,

der Erde längst entrückt;

nie hätten wir die Wiederkehr

des neuen Jahrs erblickt.

Doch, Dank sei deiner Vaterhuld!

noch sind und leben wir!

O Gott, voll Langmut und Geduld!

Wir leben! Dank sei dir!

Wir leben! Doch itzt näher schon

dem Ziel der kurzen Bahn,

und näher täglich rückt der Lohn

der Ewigkeit heran.

Herr, lehr uns unser bestes Teil,

des Lebens Zweck verstehn;

zeig uns den sichern Weg zum Heil,

und stärk uns ihn zu gehn.

Dann werden wir uns immerdar

Gott, deiner Güte freun;

und jedem wird dies neue Jahr

zur Ewigkeit gedeihn.