Am Waldteiche
H. Sommer
Ein Mägdlein ging im grünen Wald,
suavis et formosa
reizend und schön,
War schlank und lieblich von Gestalt,
florens quasi rosa
wie eine blühende Rose.
Und sieh! da war ein stiller Teich,
silva circumdata
vom Wald umgeben,
Ach, wär' ich doch ein Fischlein gleich!
cogitat ornata
denkt sie in ihren geschmückten Gewändern.
Und wie sie um und um sich sah,
solitaria fuit
sie war ganz allein,
Was meint ihr wohl, was da geschah?
vestem hic exuit
dann entkleidete sie sich.
Dann blieb sie dicht am Ufer stehn,
bella creatura
das schöne Geschöpf,
Wie noch kein Auge sie gesehn
puram in natura
in ihrer reinen Natürlichkeit.
Da schwiegen alle Vögelein
formam mirabundae
staunend ob ihrer Schönheit,
Da hüpften über Kies und Stein
appetentes undae
Wellen voller Begehrung nach ihr.
Sie stieg hinein in keuscher Lust
quercu sub vetusta
unter einer alten Eiche
Und kühlte sich die weiße Brust
membraque venusta
und die anmutigen Glieder.
Auf einmal aus dem Busche sprang
canis ad venandum
ein Jagdhund auf der Pirsch,
Im Wasser ward dem Mädchen bang,
quid nunc ad velandum
womit soll sie sich nun decken?
Von dem, was hier das Hündlein fand,
tunicam heu! demit
, ach, es lief mit ihren Kleidern davon
O weh! laß mir mein weiß Gewand!
virgo clamat, gemit
schreit die Jungfrau, stöhnend.
Das Hündlein sprang wohl her und hin,
tunicam in ore
mit ihrem Gewand im Maul,
Da lief ihm nach das Magedin,
Cypris pulchrae more
wie eine schöne Venus.
Als endlich sie's ihm abgejagt,
adest non viator
niemand kam vorbei,
Schlüpft sie hinein und denkt verzagt:
vidit me venator
sah mich ein Jäger?