Die Schalmei

H. Sommer

Ich weiß im Wald eine Weide stahn,

Die hörte nie Wasser rauschen,

Nie weinen ein Kind, nie krähen den Hahn,

Da lohnt es der Mühe zu lauschen.

Wenn schon ihr Saft in Stamm und Ast

Aufsteigt und quillt zur Reife,

Dann klopft man wacker und schält den Bast

Vom Splinte zu einer Pfeife.

Denn von der Weide zur rechten Zeit

Ein Zweig geschnitten zur Flöte

Ist eine köstliche Heimlichkeit

Und gut für mancherlei Nöthe.

So Einer bläst auf solchem Rohr

Mit lautem, lustigem Schalle,

Spitzt Mensch und Thier sogleich das Ohr

Und folgt und geht in die Falle.

Ich locke mit Listen auf meiner Schalmei

Zu springenden, zappelnden Tänzen,

Da kommen die mit den Zöpfen herbei

Und die mit den langen Schwänzen.

Sie müssen heraus, sie müssen hervor

Aus ihrem Versteck und Gehäuse,

Die Weiber, die Mädchen, die Kinder im Chor,

Alle Ratten und alle Mäuse.