Eitle Schönheit
J. Hiller
Bruder:
O! ich bin doch ein schöner Knabe!
Ja, ja, das ist gewiss!
Der Spiegel, den ich vor mir habe
sagt augenscheinlich dies.
Wie sanft ist mein Gesicht! wie rund!
Die blauen Augen schmachten!
Und dieser kleine rote Mund
ist auch nicht zu verachten.
Sobald ich freundlich lächle, prangen
die Zähn' als Elfenbein,
auf ros- und lilienvollen Wangen
drückt sich ein Grübchen ein.
Und ach! das güld'ne Haar; so soll
ein Paar der schönsten Knaben
(sie hießen Bacchus und Apoll)
sie einst getragen haben.
Schwester:
Mein Lieber Bruder, vor dem Jahre
War ich wie du so schön:
Was hatt' ich da für schwarze Haare?
Du hast sie noch gesehn.
Da lobte jedes dies Gesicht
Bewundernd um die Wette,
Und schwur, es sey kein Mädchen nicht
So schön als Henriette.
Allein die Schönheit ist vergangen!
Da kam der Blattern Wuth,
Zerriss mir diese glatten Wangen,
Löscht' aus der Augen Gluth.
Doch glaube nicht, das mich's verdießt:
Nein; es hat mich gelehret,
Daß das nur wahre Schönheit ist,
was keine Zeit zerstöret.